Aeguame war die Göttin des Wassers.
Sie trug ihre Krone aus Gischt wie eine stolze, stille Jungfrau und ihre langen, weißblonden Haare schlangen sich in sanften Wellen um ihre Schultern und Hüfte. Das schmale, dennoch sinnliche Gesicht besaß warme, volle Lippen, die Augen waren von einem tiefen, pulsierenden Blau. Ihre ganze Gestalt schien leicht transparent zu sein, wie es das von ihr beherrschte Element verlangte. Aeguame beherrschte neben ihrem Element die Besonnenheit und Weisheit.
Eglisca, ihre rotäugige Schwester, war wild, fröhlich und ganz und gar nicht transparent.
Sie besaß tiefrotes, langes Haar, in dem Funken glitzerten und einen solchen Überschuss an Sinnlichkeit, dass es niemanden verwunderte, dass sie neben ihrem flammenden Element auch die Liebe und Erotik beherrschte. Eglisca hatte eine schmale Hüfte, schwere runde Brüste und ein fast magisch anziehendes, sehr weibliches Gesicht.
Einst hatte Eglisca die Krieger Megyra’s in eine Feuerbsbrunst getrieben und umkommen lassen, was ihr zudem den Ruf einbrachte, dem Kampfe und der Rache zugeneigt zu sein.
Aeguame hatte die salzigen Tränen der Witwen und Kinder aufgefangen und in einem dreimal gewundenen Gefäß bewahrt. Sie war die sanfte Göttin der Trauer und des Trostes und wurde auch zu diesem Zwecke angerufen.
Aeguame und Eglisca besaßen Winter und Sommer – war Aeguame zu traurig, so gab es keinen richtigen Winter, war Eglisca zu fröhlich, verdorrten im Sommer die Felder, da es nie regnete.
Gemeinsam bildeten sie das Gleichgewicht der Menschen, da bekannterweise die menschlichsten Emotionen Liebe und Hass, Wildheit und Besonnenheit und Freude und Trauer sind.
Das Gleichgewicht der Natur bildeten Soluna und Aerune.
Soluna, deren sommersprossiges Gesicht mit den smaragdgrünen Augen vom bernsteinfarbenen, gewellten Haar so harmonisch ergänzt wurde, beherrschte die Erde und war damit die Schutzgöttin aller Geschöpfe. In ihrem Haar wohnte der Wind, den sie im Herbst freigab, und die Farben des Herbstes waren gleichsam die Farben ihres Mantels. Soluna’s Erde barg die Körper der Toten.
Aerune, die Göttin der Luft, war die Jüngste von Allen und hatte ein feines, helles Gesicht mit fast goldener Augenfarbe. Ihr Haar war von einem hellen, lockigen Strohblond. Sie war stets jugendlich fröhlich, obwohl ein melancholischer Ausdruck um ihre Lippen spielte. Aeruna beherrschte das Wetter, mit Ausnahme des Herbstwindes, und war die Göttin der Geburt. Sie beschwor Nebel und brachte den Frühling, den Neubeginn.
Das Gleichgewicht der Natur umfasste Geburt und Tod, Jugend und Reife, den Zirkel des Lebens.
Lysis gehörte zu keinem der zwei irdischen Gleichgewichte, sie war das mächtige Gegengewicht zu ihren vier Schwestern. Sie war die Göttin des Geistes. Ihr schwarzes, glattes Haar reichte ihr bis zur Hüfte, die vollen roten Lippen ergänzten die hellbraunen Augen. Lysis herrschte über das Totenreich, jedoch nicht über den Tod, denn dieser ist frei und besitzt kein irdisches Wesen.
Lysis herrschte nicht über Seuchen und Naturkathastrophen, sie schickte keine Plagen, Strafen oder Belohnungen. Sie gab allein den Nebelgeistern der Toten ein Heim und schickte die Geister der noch nicht Geborenen zu Aerune, die diese in die Körper hauchte. Lysis war nicht von böser Natur, dennoch wurde sie von den meisten irdischen Wesen gefürchtet.
Das Herrscherpaar des Götterreiches und Eltern der fünf Göttinnen waren Apricus und Selûne, die zugleich die beiden Pole des Universums verkörperten.
Apricus, der das Licht beherrschte, lenkte die Sonne, während Selûne, die Göttin der Dunkelheit, die Mondbahnen zog.
I.S. 31.10.2009 – To be continued..