Faust (allein).
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Und steigt vor meinem Blick der reine Mond
Besänftigend herüber, schweben mir
Von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch
Der Vorwelt silberne Gestalten auf
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.
O dass dem Menschen nichts Vollkommnes wird,
Empfind’ ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Göttern nah und näher bringt,
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
Mich vor mir selbst erniedrigt, und zu nichts
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
So tauml’ ich von Begierde zu Genuss,
Und im Genuss verschmacht ich nach Begierde.
Nicht umsonst die einzigen Zeilen im ganzen Stück, die ohne Reime auskommen.
Ich fühle mich ihnen verbunden, sie drücken aus was ich schwer kann - der benötigte, melancholisch-nachsinnende Akt des Sehnens ist letztenendes ebenso notwendig wie das “Ziel”, der Genuss selbst. Und wird so selbst zum Genuss.
Wobei wir wieder bei unserem Kreis und bei “Der Weg ist das Ziel” wären, und den Bogen zur Frage “Was sind ‘gut’ und ‘böse’?” schlagen sollten.
Zwei Möglichkeiten bieten sich an:
1.: Gut und Böse sind real existierende Entitäten auf ontologischer Ebene. Sie sind sozusagen Prinzipien des Seins oder Strukturmomente des Seins. Der Mensch erkennt diese Strukturen. Sie haben auch unabhängig vom Menschen Gültigkeit.
2: Gut und Böse sind begriffliche Konstrukte. Ihnen kommt auf ontologischer Ebene keine Realität zu. Sie sind Strukturmomente des menschlichen Verstandes, unabhängig vom Menschen haben sie keine Realität. (Nicht weil dann niemand da wäre, der sie erkennen könnte, sondern weil es sie dann gar nicht gäbe.)
Die erstere, auch durch das Christentum geprägte Interpretation ist heute eher weniger gebräuchlich,aber ebenso interessant.
Für die zweitere Interpretation sprechen mehrere Punkte:
-Jeder Mensch trifft über die Dinge in seiner Welt objektive Aussagen und bewertet sie individuell. Diese Bewertungen unterscheiden sich demnach von Mensch zu Mensch.
-Sind ‘böse’ Dinge, die man bekanntlich zwingend braucht, um das ‘Gute’ überhaupt wahrzunehmen (wie bei Licht/Schatten) wirklich ‘böse’? Kann etwas das der Mensch braucht auch auf den zweiten Blick wirklich ‘böse’ sein? Kann somit eine allgemeingültige Bewertung als eindeutig ‘gut’/'böse’ überhaupt gemacht werden?
Und letztenendes:
-Ist es einem Menschen, der den (durch soziodynamische Prozesse selbsterschaffenen?) Dualismus ‘gut’/'böse’ zwingend benötigt, um sein Leben zu strukturieren, überhaupt möglich, über selbigen rational nachzudenken? Schließlich ist jenes Denken fest im Griff dieser Einordnung. Eine Andere Vernunft/Einordnung als die des Menschen ist für einen Menschen nur schwer nachvollziehbar
-Wenn ‘gut’ und ‘böse’ eigentlich beide ‘gut’ sind (wenn auch nur über das Prädikat “notwendig, um das ‘Gute’ zu erkennen”) ,warum fällt dieser Dualismus dieser Tatsache nicht zum Opfer? Warum hat der Mensch den (für ihn) orientierunglosen Zustand des “Zusammenfalls der Gegensätze” noch nicht flächendeckend ereicht?
Richtig, weil er ihn braucht wie kaum etwas anderes auf geistig-moralischer Ebene. Und weil der Mensch letztenendes auch “notwendige” Dinge wie z.b. Seuchen, Kriege, Streit,.. nicht als ‘eher gut’ sondern als ’schlecht’ ansieh - ist wohl mit dem Überlebenstrieb gekoppelt fest in uns verwurzelt.
Hier könnte ich wieder den Bogen zu Nirwana, Erleuchtung, Seelenfrieden, Selbstlosigkeit - oder, falls man den Zusammenfall für etwas ‘Schlechtes’ hält, zu Rastlosigkeit, Nihilismus u.ä. - schlagen.
Die Einschätzung der eigenen Lage als ’schlecht’ geht einem ‘guten’ Interpretation meist voraus. Erstere geht mit der Wahrnehmung, letztere mit der Akzeptanz des Zusammenfalls einher.
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-’gut’/'böse’ in diesem Artikel sind Stellvertreter für sämtliche Einordnungen unter diese zwei Oberbegriffe (z.B. angenehm,schön,.. zu ‘gut’ /unangenehm,hässlich,.. zu ‘böse’ bzw ’schlecht’)
-Alles oben Geschriebene sind lediglich Thesen aus meinem Blickwinkel heraus, ich bezweifle die Existenz einer allgemeingültigen Lösung des Konflikts. Andere Menschen können hier grundlegend anders denken.