Da ich neulich schon bei Nietzsche war, hier ein kurzer Essay. Schon etwas älter, aber immer wieder interessant.
Hauptaussagen – Nietzsches Nihilismus:
Nihilismus im allgemeinen Sinn bezeichnet eine Weltanschauung, die einen Sinn der Existenz, eine greifbare Wahrheit (und somit auch „feststehende“ Wahrheiten und Erkenntnisse) verneint.
Nietzsche formuliert den Nihilismus insbesondere mit diesen Argumenten:
–>„Es ist nichts mit der Moral: moralische Werte haben keine unbedingte Geltung, sondern sind nur in einer bestimmten Situation nützlich oder nutzlos.“
–>„Es ist nichts mit der Wahrheit: Unbezweifelbare, objektive und ewige Wahrheiten sind nicht erkennbar. Wahrheit ist stets subjektiv.“
–>„Gott ist tot: Es existiert keine übergeordnete, ewige Instanz. Der Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen.“
–>„Die ewige Wiederkehr des Gleichen: Geschichte ist nicht finalistisch, es gibt keinen Fortschritt und kein Ziel.“
Anhand der Parabel „Der tolle Mensch“ von 1882 lässt sich Nietzsches Übermensch-Theorie gut nachvollziehen:
–> Am Anfang steht der Mensch, der an Gott glaubt: Gott stellt für diesen eine allumfassende, (lebens-)notwendige Macht/Größe dar
–> Die Loslösung des Menschen von Gott („Ermordung Gottes“), eine Art religiöse Aufklärung (Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten religiösen Unmündigkeit) hat weniger einen „befreienden“ Effekt, sondern hat einen
–> Sturz des Menschen in eine tiefe Bedeutungslosigkeit zur Folge: durch den Wegfall der wichtigsten Bestimmgröße menschlicher Existenz – der höheren Macht – wird der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen:
- Moral und Werte, die auf dem christlichen Glauben gründen, verlieren ihre Grundlage
- die einzige, einst unbezweifelbare Wahrheit (Gott) hat sich als unwahr entpuppt und da der Mensch stets subjektiv ist, wird es keine weiteren allumfassenden Wahrheiten mehr geben.
–> der Mensch versinkt im Nihilismus
Ähnliches Gedankengut findet sich auch bei anderen Intellektuellen: Goethe schrieb 1774 in einem Brief an Betty Jacobi:
„Wer an nichts glaubt verzweifelt an sich selber.“
Die Befreiung vom Nihilismus stellt die Entwicklung zum Übermenschen dar:
Als Übermensch wird ein „Idealmensch“ bezeichnet, welcher über die gewöhnliche Existenz eines „normalen“ Menschen hinausgewachsen ist.
Das Konzept des Übermenschen stellt eine radikale Lebensbejahung trotz des und gegen den Nihilismus dar. Der Übermensch gilt somit als Überwinder des Nihilismus. Er entwickelt den „Willen zur Macht“ und ist der Schöpfer neuer Werte, die er aus sich selbst bezieht und die die durch den Nihilismus verworfenen „alten“ Werte ersetzen.
Als negatives Gegenstück zum Übermenschen wird in „Also sprach Zarathustra“ der “letzte Mensch” (oder auch „Herdenmensch“) vorgestellt.
Dieser steht für das nach Nietzsche schwächliche Bestreben nach Angleichung der Menschen untereinander, nach einem möglichst risikolosen, langen und „glücklichen“ Leben ohne Härten und Konflikte.
Politische Deutung (insbesondere) im 3. Reich:
Eine rein politische Deutung ist irreführend. Der „Wille zur Macht“, den der Übermensch entwickelt, ist demnach nicht etwa der Wille zur Herrschaft über Andere, sondern ist als Wille zum Können, zur Selbstbereicherung, zur Selbstüberwindung zu verstehen.
Vor allem in der NS-Zeit wurde Nietzsches Übermenschen-Konzeption im Sinne des nationalsozialistischen Gesellschaftsmodells instrumentalisiert und mit der „Herrenmenschen-Ideologie“ des Nationalsozialismus gleichgesetzt, obwohl Nietzsche nicht eine Überlegenheit der Rasse, sondern des Geistes propagiert hatte. Maßgeblichen Anteil an der einseitigen Interpretation hatte Nietzsches Schwester, die nationalsozialistische Ansichten vertrat.
Nihilismuskritik:
a) Rein logisch:
1.: wenn laut dem Nihilismus nichts wahr ist, ist auch er selbst unwahr. –> Es ist also etwas wahr.
b) Politisch/soziologisch:
1.: da Moral verneint/nur zu einem Mindestmaß akzeptiert wird und Nihilismus meist aus Hass, Wut, Enttäuschung usw. (also aus sehr destruktiven Emotionen) entsteht, weicht er die Gesellschaftsmoral/-struktur auf –> er ist politisch sinnlos, da er sich negativ auf den Staat auswirkt.
2.: Egoismus und Morallosigkeit zeichnen eher einen Diktator als einen Demokraten aus. –> Auch wenn von Nietzsche nicht zwangsläufig so gedacht, liegen politische Extreme und gefährliche Ideologien nahe.
Wie Nietzsche richtig erkannt hat, ist der Nihilismus ein (Geistes-)zustand, der unweigerlich destruktive Folgen hat (auch für den Nihilisten selbst), und somit unbedingt überwunden werden muss!
(I.S. 05.03.2007 – d.h. Copyright: Ich.)
