
Nihilismus (nach Nietzsche)
10 April 2009Da ich neulich schon bei Nietzsche war, hier ein kurzer Essay. Schon etwas älter, aber immer wieder interessant.
Hauptaussagen – Nietzsches Nihilismus:
Nihilismus im allgemeinen Sinn bezeichnet eine Weltanschauung, die einen Sinn der Existenz, eine greifbare Wahrheit (und somit auch „feststehende“ Wahrheiten und Erkenntnisse) verneint.
Nietzsche formuliert den Nihilismus insbesondere mit diesen Argumenten:
–>„Es ist nichts mit der Moral: moralische Werte haben keine unbedingte Geltung, sondern sind nur in einer bestimmten Situation nützlich oder nutzlos.“
–>„Es ist nichts mit der Wahrheit: Unbezweifelbare, objektive und ewige Wahrheiten sind nicht erkennbar. Wahrheit ist stets subjektiv.“
–>„Gott ist tot: Es existiert keine übergeordnete, ewige Instanz. Der Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen.“
–>„Die ewige Wiederkehr des Gleichen: Geschichte ist nicht finalistisch, es gibt keinen Fortschritt und kein Ziel.“
Anhand der Parabel „Der tolle Mensch“ von 1882 lässt sich Nietzsches Übermensch-Theorie gut nachvollziehen:
–> Am Anfang steht der Mensch, der an Gott glaubt: Gott stellt für diesen eine allumfassende, (lebens-)notwendige Macht/Größe dar
–> Die Loslösung des Menschen von Gott („Ermordung Gottes“), eine Art religiöse Aufklärung (Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten religiösen Unmündigkeit) hat weniger einen „befreienden“ Effekt, sondern hat einen
–> Sturz des Menschen in eine tiefe Bedeutungslosigkeit zur Folge: durch den Wegfall der wichtigsten Bestimmgröße menschlicher Existenz – der höheren Macht – wird der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen:
- Moral und Werte, die auf dem christlichen Glauben gründen, verlieren ihre Grundlage
- die einzige, einst unbezweifelbare Wahrheit (Gott) hat sich als unwahr entpuppt und da der Mensch stets subjektiv ist, wird es keine weiteren allumfassenden Wahrheiten mehr geben.
–> der Mensch versinkt im Nihilismus
Ähnliches Gedankengut findet sich auch bei anderen Intellektuellen: Goethe schrieb 1774 in einem Brief an Betty Jacobi:
„Wer an nichts glaubt verzweifelt an sich selber.“
Die Befreiung vom Nihilismus stellt die Entwicklung zum Übermenschen dar:
Als Übermensch wird ein „Idealmensch“ bezeichnet, welcher über die gewöhnliche Existenz eines „normalen“ Menschen hinausgewachsen ist.
Das Konzept des Übermenschen stellt eine radikale Lebensbejahung trotz des und gegen den Nihilismus dar. Der Übermensch gilt somit als Überwinder des Nihilismus. Er entwickelt den „Willen zur Macht“ und ist der Schöpfer neuer Werte, die er aus sich selbst bezieht und die die durch den Nihilismus verworfenen „alten“ Werte ersetzen.
Als negatives Gegenstück zum Übermenschen wird in „Also sprach Zarathustra“ der “letzte Mensch” (oder auch „Herdenmensch“) vorgestellt.
Dieser steht für das nach Nietzsche schwächliche Bestreben nach Angleichung der Menschen untereinander, nach einem möglichst risikolosen, langen und „glücklichen“ Leben ohne Härten und Konflikte.
Politische Deutung (insbesondere) im 3. Reich:
Eine rein politische Deutung ist irreführend. Der „Wille zur Macht“, den der Übermensch entwickelt, ist demnach nicht etwa der Wille zur Herrschaft über Andere, sondern ist als Wille zum Können, zur Selbstbereicherung, zur Selbstüberwindung zu verstehen.
Vor allem in der NS-Zeit wurde Nietzsches Übermenschen-Konzeption im Sinne des nationalsozialistischen Gesellschaftsmodells instrumentalisiert und mit der „Herrenmenschen-Ideologie“ des Nationalsozialismus gleichgesetzt, obwohl Nietzsche nicht eine Überlegenheit der Rasse, sondern des Geistes propagiert hatte. Maßgeblichen Anteil an der einseitigen Interpretation hatte Nietzsches Schwester, die nationalsozialistische Ansichten vertrat.
Nihilismuskritik:
a) Rein logisch:
1.: wenn laut dem Nihilismus nichts wahr ist, ist auch er selbst unwahr. –> Es ist also etwas wahr.
b) Politisch/soziologisch:
1.: da Moral verneint/nur zu einem Mindestmaß akzeptiert wird und Nihilismus meist aus Hass, Wut, Enttäuschung usw. (also aus sehr destruktiven Emotionen) entsteht, weicht er die Gesellschaftsmoral/-struktur auf –> er ist politisch sinnlos, da er sich negativ auf den Staat auswirkt.
2.: Egoismus und Morallosigkeit zeichnen eher einen Diktator als einen Demokraten aus. –> Auch wenn von Nietzsche nicht zwangsläufig so gedacht, liegen politische Extreme und gefährliche Ideologien nahe.
Wie Nietzsche richtig erkannt hat, ist der Nihilismus ein (Geistes-)zustand, der unweigerlich destruktive Folgen hat (auch für den Nihilisten selbst), und somit unbedingt überwunden werden muss!
(I.S. 05.03.2007 – d.h. Copyright: Ich.)
Hab mich mit dem Thema noch nicht befasst, aber hier ein paar Gedanken/Denkanstöße:
- Moral und Werte, die auf dem christlichen Glauben gründen, verlieren ihre Grundlage
Die Frage ist hier, für welche Moral und Werte das denn nun gelten soll. Im Grunde unterscheidet sich die christliche Gesellschaft nicht wesentlich von allen anderen existenten Gesellschaftsformen sondern nur im Detail – wenn man das jetzt mal so nennen will. Die wichtigsten Werte und Normen erschließen sich beim besten willen nicht aus dem Christentum oder ähnlichem, sondern entspringen der Vernunft und der Erkenntnis aus tausenden von Jahren menschlichen Zusammenlebens. In unserem Falle ist das Christentum nur eine Begleiterscheinung, welche früher oder später zerbrechen wird. Einzelheiten aufzuzählen, macht an dieser Stelle nicht wirklich Sinn, man vergleiche nur mal beispielsweise Grundgesetz und 10 Gebote. Die Dinge haben andere Namen, sagen aber schließlich das gleiche.
- die einzige, einst unbezweifelbare Wahrheit (Gott) hat sich als unwahr entpuppt und da der Mensch stets subjektiv ist, wird es keine weiteren allumfassenden Wahrheiten mehr geben.
Unbezweifelbar ist keine Wahrheit je gewesen(„einst unbezweifelbar“), und auch künftige „Gottgegebenheiten“ werden es nicht sein. Alles ändert nur seinen Namen.
–> der Mensch versinkt im Nihilismus
Was der Einzelne schon immer tat. Als gesellschaftliches Phänomen hingegen wäre das neu und ich halte es auch nicht für warscheinlich denn:
Der Mensch würde „unbezweifelbare Warheiten“ niemals aufgeben, böte man ihm nicht im Gegenzug eine andere „unbezweifelbare Warheit“. Natürlich nur auf eine Gesellschaft projiziert.
- Das Konzept des Übermenschen stellt eine radikale Lebensbejahung trotz des und gegen den Nihilismus dar. Der Übermensch gilt somit als Überwinder des Nihilismus. Er entwickelt den „Willen zur Macht“ und ist der Schöpfer neuer Werte, die er aus sich selbst bezieht und die die durch den Nihilismus verworfenen „alten“ Werte ersetzen.
Hier würde mich intressieren wie diese Werte denn aussehen sollen. Und was soll den Menschen dazu bewegen, die alten Werte „einst unbezweifelbar“ durch neue Werte zu ersetzen. Selbst dem dümmsten Narr würde der offensichtliche Selbstbetrug in der Sache vor Augen liegen. Wieso der Dummheit der man gerade entflohen ist durch eine neue Dummheit ersetzen? Die Intention des ganzen Szenarios erschließt sich mir nicht ansatzweise.
Deshalb bin ich der Meinung, dass der Nihilismus wohl der ehrlichste „Geisteszustand“ ist. Ob das nun erstrebenswert ist oder nicht. Es ist sowieso sehr theoretisch.
- Deshalb bin ich der Meinung, dass der Nihilismus wohl der ehrlichste “Geisteszustand” ist.
One can honestly adhere to the premises of nihilism, and find them to be in accordance with ones inclinations (in spite of any logical contradiction, such as Isca points out), without inferring from them nihilistic conclusions.
Look at the analogous situation regarding philosophical scepticism in epistemology. One can be fully aware of many sceptical premises and conclusions, and accept them, and accept the difficulty of knowing the truth about anything, without becoming a solipsist.
Ich schreibe einfach mal auf deutsch weiter, denn du scheinst es ja zu verstehen(wäre schön wenn du das auch tätest, so es dir möglich ist, da mir das Übersetzen sehr schwer fällt und zeitaufwändig ist).
Trotzdem möchte ich noch daran erinnern, dass ich wesentlich mehr Anmerkungen gemacht habe. Würde mich intressieren, wie das Andere sehen.
- One can honestly adhere to the premises of nihilism, and find them to be in accordance with ones inclinations (in spite of any logical contradiction, such as Isca points out), without inferring from them nihilistic conclusions.
Ich habe meinen letzten Satz sehr schwammig/falsch formuliert, das fällt mir erst im Nachhinein auf. Was ich ursprünglich sagen wollte war(und ich kann hier nur Isa’s Text als Grundlage nehmen, da ich mich nicht weiter mit dem Thema beschäftige), dass ich den Sinn des Übermensch-werdens nicht nachvollziehen kann(So wie ich es verstehe ist der Übermensch der Zustand vor dem Versinken nur mit einem anderen Namen). Somit sehe ich das „Versinken im Nihilismus“ als Ideal an. Wobei Ideal vielleicht nicht das richtige Wort ist, vielleicht passt „ehrlich“ besser. Erstrebenswert ist dies natürlich nicht, wie Isa das schon angedeutet hat. Es erschließt sich für mich aus dem Text kein ersichtlicher Grund, den Nihilismus zu überwinden.
- Look at the analogous situation regarding philosophical scepticism in epistemology. One can be fully aware of many sceptical premises and conclusions, and accept them, and accept the difficulty of knowing the truth about anything, without becoming a solipsist.
Der Zusammenhang leuchtet nach minutenlangem Übersetzen und Fachwörter nachschlagen ein. Aber wie gesagt, ich habe an dem Gebiet wenig Intresse und Wissen, sodass ich nicht mehr sagen kann, als, dass ich es ähnlich sehe.
„Unbezweifelbar ist keine Wahrheit je gewesen(„einst unbezweifelbar“), und auch künftige „Gottgegebenheiten“ werden es nicht sein. Alles ändert nur seinen Namen.“
–> für uns ja. Für gläubige Menschen ist das Ganze oft unbezweifelbar. Vor allem vor der Aufklärung.
„Hier würde mich intressieren wie diese Werte denn aussehen sollen. Und was soll den Menschen dazu bewegen, die alten Werte „einst unbezweifelbar“ durch neue Werte zu ersetzen. Selbst dem dümmsten Narr würde der offensichtliche Selbstbetrug in der Sache vor Augen liegen. Wieso der Dummheit der man gerade entflohen ist durch eine neue Dummheit ersetzen? Die Intention des ganzen Szenarios erschließt sich mir nicht ansatzweise.“
–> das was ich darüber geschrieben hab ist just Nietzsches Theorie. Die alten Werte waren auf Religion begründet, durch (spätestens) die Aufklärung fällt diese Religionsbasis jedoch weg.
Ein Mensch ohne Werte ist jedoch Chaos und Verzweiflung, seien es auch noch so bekloppte Werte (siehe Faschismus z.B.) – offensichtlich braucht jeder Mensch einen Lebensinhalt,Werte,etc, und wenn Gott als Sinn des Lebens wegfällt, muss man sich selbst etwas einfallen lassen)
Jedenfalls schafft sich jeder Mensch in seinem Leben eigene Meinungen,Werte, Lebensinhalte, von der Religion abgelöst. Was den Menschen dann laut Nietzsche zum Übermenschen macht, da er die einst gottgleiche Eigenschaft, selbst Werte aufzustellen übernimmt.
„Deshalb bin ich der Meinung, dass der Nihilismus wohl der ehrlichste „Geisteszustand“ ist. Ob das nun erstrebenswert ist oder nicht. Es ist sowieso sehr theoretisch.“
–>Dir ist demnach auch klar, dass es Nihilistmus ist, wenn du keinerlei Lebenssinn,keine Werte, keine Überzeugungen hast,oder? Das kann doch niemand erstrebenswert finden? (Also laut Nietzsche. Soll ja angeblich auch andere Nihilismustheorien geben, aber die finde ich wenig sinnvoll bisher)
Das Versinken im Nihilismus kommt VOR dem Übermensch-werden (!)
Vergleich das Ganze doch mit einer Depression – du hast dein ganzes Leben auf eine Theorie/Person zählen können, das fällt nun weg/stirbt. Du versinkst in Trübsinn (vgl. Nihilismus). Dann irgendwann, wenn du nicht daran stirbst, raffst du dich auf, und definiert eigene Lebensziele und Theorien. Das wäre dann der Übermenschen-Status.
Sorry für die späte Antwort, hatte es schlicht vergessen die Mail zu speichern.. :/