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Drei Sterne.

7 Mai 2009

Das Kind weinte.
Es hatte das erste Mal erfahren, was geschieht, wenn man unangepasst ist. In der Schule hatte es sein feines Kleid getragen, der Mutter zum Trotz. Diese hatte es ihrer Tochter zur Hochzeit des Onkels gekauft, es war Blau mit einem Blumenmuster und türkisem Unterrock, die feinen Träger ebenfalls in einem blassen Blau. Das Mädchen trug es mit unschuldigem Stolz, und war sich bewundernden Blicken gewiss. Gegen den unerwartet neidvollen Spott seiner Schulkameraden war es nicht gewappnet.
Der Großvater, der dem Kind immer ein weiser Freund gewesen war, tröstete es:
„Weißt du“, sagte der alte Mann, „jeder Mensch trägt drei Sterne in seinem Herzen. Der Erste ist nur zum Verglühen bestimmt,“ – das Mädchen legte den Kopf schief und die Stirn in Falten – „Der Zweite nur zum Erhellen. Der Dritte aber ist dein Freund.“
„Aber wie kann ich ihn finden, wenn es Nacht wird?“, fragte das Kind mit großen Augen.
Der alte Mann strich sich über den Bart und lächelte verständnisvoll: „Du wirst ihn finden wenn die Zeit gekommen ist. Sie wird kommen, sei dir sicher!“
„Warum?“
„Weil alles seine Zeit hat. In Phasen des Lichts wartet der erste Stern auf seine Zeit, in Phasen des Dunkels der zweite. Nur der dritte ist bestimmt, ewig zu warten. Vielleicht wirst du ihn erst in deiner letzten Stunde erkennen, vielleicht schon bald. Ach, was rede ich über den Tod, du hast noch so viel vor dir, mein Kind.“ – Und er strich dem Mädchen übers sonnengewärmte Haar und lächelte warm, den kleinen Schalk in seinen Augen entlarvend.

I.S. 07.05.2009

Ein Kommentar

  1. Mir gefällt, wie du die Situation des Kindes beschreibst. Voller Stolz, nicht einen Gedanken daran verschwendend, dass es jemanden geben könnte, der die Begeisterung nicht teilt. Dann die Enttäuschung.

    Erinnert mich an ein Erlebnis aus meiner Kindheit. Ich war zu einem Geburtstag eingeladen und ein Geschenk musste her. Ermutigt durch meine Eltern malte ich ein Bild und bastelte etwas aus Papier. Sogar das Geschenkpapier war selbst gemacht. Als es dann ans Auspacken ging und ich sah, was die anderen schenkten, war ich plötzlich nicht mehr so von meinem Geschenk überzeugt. Es wurde Lego ausgepackt und andere gekaufte Geschenke aus Plastik. Coole Geschenke für einen kleinen Jungen. Dann kam meins dran und wurde ebenso stürmisch aufgerissen wie die anderen. Dabei zerriss das Geburtstagskind allerdings nicht nur das Geschenkpapier, sondern auch den kompletten Inhalt. Das war kein schönes Gefühl und ich kann mich bis heute daran erinnern.

    Natürlich hat man mit der Zeit gelernt, solche Situationen zu vermeiden, anders damit umzugehen oder absichtlich damit zu provozieren. Trotzdem werde ich immer nachvollziehen können, wie sich jemand in einer solchen Situation fühlen kann.

    Eigentlich bin ich hier grade nur zufällig gelandet, aber dein Text hat was in mir bewegt. Da muss ich dir doch zumindest ein Kommentar hinterlassen :)



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