
“Russische Erzählungen”: Eine Möchtegern-Rezension.
8 Oktober 2010Ich lese gerade „Russische Erzählungen“, eine von Reclam herausgegebene Sammlung von Kurzgeschichten und Romanauszügen bekannter Russischer Autoren..
Aus reiner Neugier gekauft, wabert doch um das Russland der Zarenzeit diese edle, leidenschaftliche und wohlgesonnene Stimmung, die man in Texten über diese Zeit findet, und die sich so von meinem Bild vom modernen Russland unterscheidet. Somit ist bereits die Epoche an sich für mich die reinste Romantik.
Das Buch enttäuscht nicht. Ich frage mich zwar, ob ich nicht irgendwann doch ein paar Brocken Russisch lernen sollte, aber davon abgesehen ist es großes Lesevergnügen.
Man taucht in eine Welt ein, deren Erzähltechnik einem vor allem aus der deutschen Märchenwelt bekannt vorkommt, und die vorherrschenden Themen sind Werte wie Bescheidenheit und Gutherzigkeit, das romantische Motiv des unschuldigen Gottvertrauens und vor allem eines – das der Liebe.
Das der zunächst unschuldigen, zarten, bald aber alles verzehrenden ersten tiefen Leidenschaft, des vollständigen Versinkens in ein Gegenüber, das den Leser mitreißt. Er wird mitgenommen auf eine Zeitreise ins eigene, vergangene Ich, und man findet sich wieder, wo man vor Jahren stand.
Das Geliebte war natürlich nie so rein, so schön, so unschuldig und wertvoll, wie man es nach später nachfühlt, was der heilenden Kraft des Erinnerns geschuldet ist, Gutes zu verstärken und Schlechtes verblassen zu lassen.
Das spielt keine Rolle, denn darum geht es den Autoren auch nicht. Es spielt auch keine Rolle, ob der Autor die Geschichte selbst erlebt oder einfach nur gut erfunden hat.
Man verliert sich zwischen den Seiten in Tagträumen, erlebt noch einmal – oder zum ersten Mal, denn die Realität sah oft anders aus – die Überwindung der Schüchternheit, das Erröten der Wangen, nächtliche Liebesschwüre, Ängste und Sinnlichkeit. Die kleinen Dramen des Alltags, die Glücksseeligkeit der Nächte. Das körperliche Begehren, das Teilen eines Körpers, das Vertrauen.
Die grausame Enthemmung, den schmerzlichen Verlust.
Nach Jahren, oft Jahrzehnten der Verarbeitung stellt sich endlich ein Lächeln beim Zurückdenken ein, die Dankbarkeit für das Gute überstrahlt die Verbitterung über den damals empfundenen Schmerz.
Ich gehe davon aus, dass jeder, der in seinem Leben einmal wahrhaft und mit ganzer Seele geliebt hat, diesen Ablauf kennt. Die erste Liebe geht einem nie aus dem Kopf, und dieses Phänomen ist etwas wunderbares, das hier gekonnt benutzt wird.
Eine wunderbare Entführung; In ein Land, eine Zeit, und die eigene Romantik.
I.S., 07.10.2010
Ich könnte dir noch Kindheit & Jugend von Lew Tolstoy leihen, falls du Interesse daran hast. Das ist äußerst lesenswert!
Ja, das wäre toll! Hab nur Krieg und Frieden hier und komm nicht zum Lesen.