Archive for the ‘Momente’ Category

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Death-in-Life.

27 April 2017

“The devil can’t see us, either”, a wise man said.

My mother stands next to my bed with a whip, a thin black lace veil covers her eyes. I always preferred crops.

My finger tips twitch again.
The nails still reek of blood. Ask your back for proof. Search for your eyes underneath my claws.

Last time I climaxed, I cut my father’s throat. Stabbed him in the eye with a dagger.
Screamed and laughed like thunder.
I swallowed the earth.

I tasted the holy. We’re dead already.
My feet won’t rise above the water, yet I’m marching on.

Sometimes I visit the ill and poor. I watch closely. Their wounds fascinate me. I hunger for demise.
I touch dead bodies.
And surely I demand to see my saviours’ wounds. I like to feel them with my fingers.

Undress, love. I want to drink you.
We are the wounded. We are the flesh. We create gold with blackness.

I. S., 27.4.2017

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Eclosion.

7 März 2017

Im Schneidersitz auf der Brücke sitzen. Dort sitzen, in der Dunkelheit des noch jungen Abends, und die Kälte spüren, die vom Beton langsam in die Knochen kriecht. Die kalte Luft spüren, wie sie sich in Kehle und Brust verteilt. Merken, wie die Nase beginnt zu laufen.
Sich bewusst machen, dass man in der Luft hängt, über abertausenden Litern eiskalten, schwarzen Flusses. Die Angst herauskitzeln wollen, sie in sich selbst sticheln – doch sie mag nicht.

Aufstehen, sich mit den Hüften an die Brüstung lehnen. Vertrauen auf ein Geländer aus Stahl, durch das der Wind weht. Auf die Angst warten, die so manches Mal nur zu gerne kommen will. Sie bleibt fern.

Alles ist auf einmal so schön. Jeder Mensch, der verwundert schaut beim vorbeilaufen, ist freundlich und warm. Alles, was geschieht, ist Unschuld.
Ein spazierendes Paar Freunde lächelt sich an, ihre Haare wehen im Wind. Ein alter Mann schleppt ächzend einen leeren Getränkekasten ans andere Ufer. Ein Jogger läuft im Schein seiner eigenen Taschenlampe in Richtung der Lichter.

Weitergehen mit demselben Lied im Ohr. Durch die Nacht schweben, lächelnd. Tanzen wollen. Mitsingen. Alle anlächeln. Weiche Augen bekommen.

Dem Wunder die Hände hinhalten und weitergehen.

I. S., 7.3.2017

 

 

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Der Maler

7 Dezember 2016

Ein junger Mann bestreicht das eiserne Geländer in aller Ruhe mit einem terpentingetränkten Pinsel. Das Geländer ist braunschwarz und geschmiedet, jedoch glatt. Er trägt die Flüssigkeit auf, als wäre sie Lack. Ein alter Mann gesellt sich hinzu und beginnt ein Gespräch wie eine Rüge:

„Was machst du, Junge?“

„Ich streiche Terpentin auf’s Geländer“

„Wieso denn das?“

„Mir war danach. Wieso tut man sonst irgendetwas?“

„Ja bist du denn verrückt geworden?“

„Nein, wieso?“

„Weil das brennen kann!“

„Und?“

„Willst du, dass es brennt?“

„Nicht unbedingt.“

„Wieso machst du es dann?“

„Weil mir danach war, wie ich doch schon sagte.“

Der alte Mann schüttelt verärgert den Kopf und murmelt etwas von „Polizei holen“, bevor er auf seinen Stock gestützt weitergeht. Der junge Mann tunkt den Pinsel in den kleinen Metalleimer, streicht ihn sorgfältig am Rand ab, damit kein Tropfen zu Boden fällt, und lässt Flüssigkeit und Eisen, vom Pinsel genötigt, aufeinandertreffen. Die Mittagssonne steht fast senkrecht über dem nahegelegenen Marktplatz, der mit großen, eckigen und sandsteinfarbenen Steinen gepflastert ist. Um diese Zeit wirft der große, berühmte Turm nur einen kleinen, mickrigen Schatten, der nicht angemessen erscheint. Das Wasser unterhalb der sanft geschwungenen Brücke fließt in zähem Dunkelblau von rechts nach links. Wenn man aber kurz innehält, kann man geradezu sehen, dass es kühl und leicht ist. Es ist still in Venedig. Ein paar Tauben fliegen auf, als ein kleines Mädchen sich von der Hand der Mutter losreißt und kreischend auf sie zurennt.

Der Polizist, den der alte Mann kurz nach Mittag im Schlepptau hat, wirkt ein wenig verwirrt.

„Das ist er?“

„Aber natürlich, Sie sehen doch, was er tut?“

„Selbstverständlich.“ Und zu unserem jungen Maler: „He Junge, wer hat dich hierher geschickt?“

„Niemand, Herr Wachtmeister“

„Was soll das werden?“

„Ich streiche nur Terpentin auf’s Geländer, Herr Wachtmeister. Das Geländer bleibt dasselbe.“

(der Polizist zum alten Mann: „Gewitzt will er sein“) – „Und wieso, Junge?“

„Weil mir danach war“

„Das ist doch kein Grund!“

„Oh. Nicht?“

„Nein. Sag mir, wie du darauf gekommen bist, Terpentin auf irgendwelche Brückengeländer zu schmieren!“

„Ich weiß nicht genau. Es kam mir am Morgen in den Sinn, also habe ich es getan“

(der Polizist zum alten Mann: „Ein Verrückter, ganz eindeutig.“)

Der Polizist und der alte Mann lassen den jungen Mann hinter sich. Zufrieden, mit glatter, entspannter Stirn und gleichsam konzentriert, ein Stückchen Zunge zwischen den Zähnen einklemmend, zieht der auf dem Boden Hockende den Pinsel in einer langen, gemächlichen Bewegung über den Metallstab.

Ein kleiner Junge gesellt sich hinzu, betrachtet eine Weile den zärtlich gebogenen Pinsel und legt schließlich den Kopf schief. Ein Blick aus den Augenwinkeln begleitet das Stimmchen des Kindes:

„Was machst du da?“

„Ich streiche das Geländer“

„Womit?“

„Mit Terpentin“

„Macht das Spaß?“

Pablo hält kurz inne: „Die Frage hat mir noch keiner gestellt…aber ich glaube ja. Zumindest macht es mir nicht keinen Spaß.“

Der Junge scheint nachzudenken. Im glitzernden Wasser spiegelt sich eine immer tiefer sinkende Sonne, die Turm und Sandstein Stunde um Stunde wärmt.

„Ich will auch. Darf ich mal?“

„Wieso?“

„Einfach so!“, sagt der nun eifrig wirkende Junge.

Lächelnd überreicht der junge Mann den Pinsel dem Kind, fast als würde er ein wertvolles Zepter zum Spielzeug erklären.

Sorgfältig beginnt das Kind, eine der schmiedeeisernen Metallstangen mit der Flüssigkeit zu bestreichen. Die Haare des Pinsels folgen der kleinen Bewegung aus dem Handgelenk.

Pablo spürt die Sonne auf seinem Rücken, gelb und wie eine schwere Decke. Sein Gesicht zieren Reflexionen der Wasseroberfläche, die auf der Haut spielerisch umherwandern.

„Jetzt“, denkt Pablo, und lächelt.

I.S.

07.12.2016

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K.

23 September 2016

K. kratzt zum zwanzigsten Mal über den Rücken der Hand. Die Haut wird langsam zu einer porösen Membran. Honigmelone, denkt K. Ob sie morgen wohl auch so rau sein wird? Nummer dreiundzwanzig durchbricht die Hülle. Ein klein wenig Blut verteilt sich über die Haut. Das Hirn empfängt keinen Schmerzreiz, wozu auch. Die Lichter der Stadt tanzen, das Lenkrad zittert leise während Metall und Asphalt eine Symbiose eingehen. Zunge und Handrücken finden sich ebenfalls. Metall, denkt K. Eine sachte Bewegung des Beins und die Lichter flackern bis in die Tiefen der Netzhaut. Im Schein der letzten Straßenlaternen teilen sich harte, volle Lippen, Blut durchströmt sie. Und während die Augen das Leuchten zurückwerfen und sich ein Beben in den Schoß drängt, formt sich ein warmes Lächeln. Energie, denkt Kali. Sie ist jetzt wach.

 

 

I.S., 23.09.2016

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10.

24 Juli 2016

Erdumhüllte Nebellichter,
Klare Nächte, bunte Sterne,
Warme, leuchtende Gesichter
Stimmen zärtlich aus der Ferne

Kämmt die Felder, schaukelt Bäume
Katzen gleich streift durch die Weiden
Wie durch luftddurchströmte Räume
Vögel irren, fliegen, leiden

Stille drängt sich durch das Lachen
Ruhe weicht dem tiefen Beben
Seelen träumen um zu wachen
Und wir tanzen um zu leben.

 

I.S., 24.7.2016

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I, too (the Eternal)

18 Juni 2016

I am the homecoming queen every time I am home and coming.

I snatch sweets from the table like a coltish child.

My hair breeds winters and grows nests for birds.

My skin is the garment for the shaman within.

 

I am known to abandon ships, tables and altars.

I am the sailor, the cook and the grail.

 

My stars smell of havoc, of moisture, of fields.

Roots dig into my earth.

I breathe the soil within.

I travel below, where all language has faded.

My sails are my canvas.

 

I am His priestess.

I sing prayers of black and gold.

I am the saintly wizard, the virgin whore.

My body yields all colours.

My hips bear lightness and a fortress of stone.

 

This is the world I was brought into.

This is the temple I care for.

This is the wonder which never fades.

 

 

I.S., 18.06.2016

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synesthesia

12 Februar 2016

 

 

my fingers like to feel canvas, placing

little dots of colour in a corner, the blue dot which

lonely-ly

gazes over the surface, towering

on imaginary elevations.

another one in the other (corner), yellow

(like lemon sun)

softly now, magenta drips from my fingers into growing puddles, the

sheet knows lakes and oceans

pouring soul-dew from half-clean brushes

saturating surfaces with forceful strokes

wastefully, lavishly amply

and I KNOW YOU

like adam knew eve.

 

 

I.S.

12.02.2016