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Der Maler

7 Dezember 2016

Ein junger Mann bestreicht das eiserne Geländer in aller Ruhe mit einem terpentingetränkten Pinsel. Das Geländer ist braunschwarz und geschmiedet, jedoch glatt. Er trägt die Flüssigkeit auf, als wäre sie Lack. Ein alter Mann gesellt sich hinzu und beginnt ein Gespräch wie eine Rüge:

„Was machst du, Junge?“

„Ich streiche Terpentin auf’s Geländer“

„Wieso denn das?“

„Mir war danach. Wieso tut man sonst irgendetwas?“

„Ja bist du denn verrückt geworden?“

„Nein, wieso?“

„Weil das brennen kann!“

„Und?“

„Willst du, dass es brennt?“

„Nicht unbedingt.“

„Wieso machst du es dann?“

„Weil mir danach war, wie ich doch schon sagte.“

Der alte Mann schüttelt verärgert den Kopf und murmelt etwas von „Polizei holen“, bevor er auf seinen Stock gestützt weitergeht. Der junge Mann tunkt den Pinsel in den kleinen Metalleimer, streicht ihn sorgfältig am Rand ab, damit kein Tropfen zu Boden fällt, und lässt Flüssigkeit und Eisen, vom Pinsel genötigt, aufeinandertreffen. Die Mittagssonne steht fast senkrecht über dem nahegelegenen Marktplatz, der mit großen, eckigen und sandsteinfarbenen Steinen gepflastert ist. Um diese Zeit wirft der große, berühmte Turm nur einen kleinen, mickrigen Schatten, der nicht angemessen erscheint. Das Wasser unterhalb der sanft geschwungenen Brücke fließt in zähem Dunkelblau von rechts nach links. Wenn man aber kurz innehält, kann man geradezu sehen, dass es kühl und leicht ist. Es ist still in Venedig. Ein paar Tauben fliegen auf, als ein kleines Mädchen sich von der Hand der Mutter losreißt und kreischend auf sie zurennt.

Der Polizist, den der alte Mann kurz nach Mittag im Schlepptau hat, wirkt ein wenig verwirrt.

„Das ist er?“

„Aber natürlich, Sie sehen doch, was er tut?“

„Selbstverständlich.“ Und zu unserem jungen Maler: „He Junge, wer hat dich hierher geschickt?“

„Niemand, Herr Wachtmeister“

„Was soll das werden?“

„Ich streiche nur Terpentin auf’s Geländer, Herr Wachtmeister. Das Geländer bleibt dasselbe.“

(der Polizist zum alten Mann: „Gewitzt will er sein“) – „Und wieso, Junge?“

„Weil mir danach war“

„Das ist doch kein Grund!“

„Oh. Nicht?“

„Nein. Sag mir, wie du darauf gekommen bist, Terpentin auf irgendwelche Brückengeländer zu schmieren!“

„Ich weiß nicht genau. Es kam mir am Morgen in den Sinn, also habe ich es getan“

(der Polizist zum alten Mann: „Ein Verrückter, ganz eindeutig.“)

Der Polizist und der alte Mann lassen den jungen Mann hinter sich. Zufrieden, mit glatter, entspannter Stirn und gleichsam konzentriert, ein Stückchen Zunge zwischen den Zähnen einklemmend, zieht der auf dem Boden Hockende den Pinsel in einer langen, gemächlichen Bewegung über den Metallstab.

Ein kleiner Junge gesellt sich hinzu, betrachtet eine Weile den zärtlich gebogenen Pinsel und legt schließlich den Kopf schief. Ein Blick aus den Augenwinkeln begleitet das Stimmchen des Kindes:

„Was machst du da?“

„Ich streiche das Geländer“

„Womit?“

„Mit Terpentin“

„Macht das Spaß?“

Pablo hält kurz inne: „Die Frage hat mir noch keiner gestellt…aber ich glaube ja. Zumindest macht es mir nicht keinen Spaß.“

Der Junge scheint nachzudenken. Im glitzernden Wasser spiegelt sich eine immer tiefer sinkende Sonne, die Turm und Sandstein Stunde um Stunde wärmt.

„Ich will auch. Darf ich mal?“

„Wieso?“

„Einfach so!“, sagt der nun eifrig wirkende Junge.

Lächelnd überreicht der junge Mann den Pinsel dem Kind, fast als würde er ein wertvolles Zepter zum Spielzeug erklären.

Sorgfältig beginnt das Kind, eine der schmiedeeisernen Metallstangen mit der Flüssigkeit zu bestreichen. Die Haare des Pinsels folgen der kleinen Bewegung aus dem Handgelenk.

Pablo spürt die Sonne auf seinem Rücken, gelb und wie eine schwere Decke. Sein Gesicht zieren Reflexionen der Wasseroberfläche, die auf der Haut spielerisch umherwandern.

„Jetzt“, denkt Pablo, und lächelt.

I.S.

07.12.2016

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