Posts Tagged ‘transzendenz’

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Eclosion.

7 März 2017

Im Schneidersitz auf der Brücke sitzen. Dort sitzen, in der Dunkelheit des noch jungen Abends, und die Kälte spüren, die vom Beton langsam in die Knochen kriecht. Die kalte Luft spüren, wie sie sich in Kehle und Brust verteilt. Merken, wie die Nase beginnt zu laufen.
Sich bewusst machen, dass man in der Luft hängt, über abertausenden Litern eiskalten, schwarzen Flusses. Die Angst herauskitzeln wollen, sie in sich selbst sticheln – doch sie mag nicht.

Aufstehen, sich mit den Hüften an die Brüstung lehnen. Vertrauen auf ein Geländer aus Stahl, durch das der Wind weht. Auf die Angst warten, die so manches Mal nur zu gerne kommen will. Sie bleibt fern.

Alles ist auf einmal so schön. Jeder Mensch, der verwundert schaut beim vorbeilaufen, ist freundlich und warm. Alles, was geschieht, ist Unschuld.
Ein spazierendes Paar Freunde lächelt sich an, ihre Haare wehen im Wind. Ein alter Mann schleppt ächzend einen leeren Getränkekasten ans andere Ufer. Ein Jogger läuft im Schein seiner eigenen Taschenlampe in Richtung der Lichter.

Weitergehen mit demselben Lied im Ohr. Durch die Nacht schweben, lächelnd. Tanzen wollen. Mitsingen. Alle anlächeln. Weiche Augen bekommen.

Dem Wunder die Hände hinhalten und weitergehen.

I. S., 7.3.2017

 

 

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Vilja.

22 Oktober 2014

Vilja hatte ihn einmal mehr nicht kommen hören. Er stand hinter ihr und schaute über ihre Schulter, in die Weite der Hügel und Täler hinein, die den sandigen Boden in allerlei Grüntönen zu bedecken wusste. Den knarrenden Wagen mit dem kleinen Eselchen hatte er weit hinter sich stehen lassen und hatte den letzten Teil der Anhöhe mühsam zu Fuß erklommen. Seine Enkelin drehte sich nicht um, so wie er keine Anstrengung unternahm, sie dazu zu bewegen. Schweigend verloren und kreuzten sich ihre Blicke an irgendeinem fernen Punkt, vielleicht einem besonders markanten Baum oder einer der langgezogenen Hügelketten. Nebel stieg auf und so manches Blatt war in diesem Herbst bereits von den Bäumen gefallen, auch wenn Vilja dieses Bild missfiel – Laub fiel nicht, es schwebte und segelte. Blätter waren wählerisch.

Zehn Jahre zuvor war das kleine Feld zu ihren Füßen, das jetzt kaum mehr als eine Wiese war und in diesem Jahr brachlag, eine hübsche Fläche voller großer, runder Kohlköpfe gewesen. Vilja hatte die große, warme Hand des Großvaters ergriffen und neugierig aufgeschaut. Ihr war nicht klar gewesen, was sie hier genau suchten und erwartete, dass das gütige, wettergegerbte Gesicht ihr mehr verraten würde. Er hatte ihren fragenden Blick wahrgenommen und zu ihr herabgeblickt. „Schau, wie schön und rund die Kohlköpfe sind“, forderte er sie mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken seines Kopfes auf. Das Mädchen stocherte mit seinem ledernen Schuh in der schweren, vom Regen getränkten Erde herum und näherte sich den Kohlköpfen. Ihr erschloss sich nicht, was an ein paar Kohlköpfen so besonders war, dass man dafür in dieser Kälte den ganzen Weg zurücklegen musste. Fragend blickte sie zurück und bestätigte dem Großvater die schöne Form. Er lächelte. „Ein Kohlkopf ist so etwas Einfaches, und doch birgt er so viel Schönheit. Sieh dir die Blätter an, jedes ein wenig kleiner als das andere, perfekt versetzt, schützend umeinander gelegt“. Das Mädchen strich eine Strähne seines Haares zur Seite und begutachtete den Kopf nochmals. Als Vilja das Gefühl hatte, der Erwartung ihres Großvaters entsprochen zu haben, hob sie ihren Blick. Auf der Wange des alten Mannes hinterließ eine einzelne Träne ihre silbrig glänzende Spur und versickerte in seinem Bart, der ein sanftes Lächeln nicht verbergen konnte. „Verstehst du, Vilja?“ – „Ja, Großvater.“ Sie aber hatte sich ihm und seinen Worten nicht verbunden gefühlt und war auch sich selbst fremd geblieben. Dies wiederum hatte sie sehr wohl verstanden und deutlich den Stich ihrer beider Unverbundenheit gespürt.

Lange hatte sie damit gehadert und hatte sie der Schmerz über den kurzen Moment der Entfremdung zu Boden gedrückt. Sie war zeitweise wütend und verbittert dem alten Mann gegenüber gewesen, weil er ihr seine Gedanken nicht weiter eröffnet hatte, zeitweise voller Scham und Reue über ihre eigene Unfähigkeit, ihn zu begreifen. Viele Jahre vergingen, bis in ihr Vergebung zu reifen begann und zärtliche Dankbarkeit. Sie, die sich so lange gewünscht hatte, der alte Mann hätte ihr damals geholfen, zu verstehen, die die scheinbare Ferne in der Empfindung als so schmerzvoll erfahren hatte, begann zu verstehen. Ihr Geist begann, den Moment zu umfließen. Wie die Blätter eines Kohlkopfes entblätterte sich Welt nach Welt und gab ihren Blick frei. Wie hätte der gute, sanfte Mann sie dorthin ziehen und tragen sollen, wo sie von alleine ankommen würde? Und war es nicht gut gewesen, wie es war? – Er war er und sie war sie, wie töricht waren ihre Versuche gewesen, so zu sehen wie er.

Am nächsten Morgen war sie früh aufgestanden und hatte den Hügel erklommen, wo er sie gefunden hatte.

Mit von Silberstreifen umkränzten Augen blickte sie auf die Erde zu ihren Füßen. Schließlich teilten sich ihre Lippen, neue Farbe strömte in sie und im selben Moment, da sie seine Hand auf ihrem Rücken spürte, sagte sie leise: „Großvater, ich glaube, Kohl wäre gut im nächsten Jahr.“